Durch die Sahara (September-Oktober 2013)

 

Viele Kilometer liegen hinter uns seit der letzten Blogaktualisierung und unserer Ankunft in Nouakchott, der Hauptstadt Mauritaniens. Einige Overlander bringen die Strecke von Marokko bis Senegal lieber schnell hinter sich, aber wir sind sehr dankbar dafür, dass wir uns relativ viel Zeit gelassen haben und die Erinnerungen an die letzten Tage sind bleibende.

Die Landschaft südlich von Sidi Ifni wurde schnell karger mit wenig bis keiner Vegetation und felsigen Ebenen. Wir durchquerten den ehemals Spanisch besetzten Tarfaya-Streifen und die Polizeikontrollen begannen häufiger und gründlicher zu werden. Die Zeit des freundlich Winkens und Weiterfahrens waren vorbei, jedoch waren alle 17 Kontrollen auf dem Weg nach Mauritanien korrekt und meist freundlich. Nur zwei Polizisten erhofften ein Cadeau (Geschenk) in Form von Whiskey oder Bier, da die Einfuhr von Alkohol nach Mauritanien illegal ist – natürlich waren unsere Alkoholvorräte schon lange aufgebraucht und Geschenke gibt’s nicht einfach so. Es ist jedoch wichtig, einige Fiche dabei zu haben, welche eine Menge persönlicher Daten auflisten und somit ein zeitraubendes Eintragen an den jeweiligen Polizeiposten ersparen.

Die größte Stadt in Westsahara ist Laayoune mit all den Annehmlichkeiten, die man von anderen Marokkanischen Städten gewohnt ist. Darüber hinaus lädt aber nichts wirklich zum Verweilen ein. Die größte Attraktion der Westsahara stellt eher die atemberaubende Atlantik-Küste dar, welcher die Teerstraße für die meiste Zeit folgt. Von den Klippen geht es steil bergab zum tosenden Meer oder unberührten vorgelagerten Stränden. Zwischen den kleinen Siedlungen befinden sich vereinzelte Fischerzelte, welche mit allen gerade vorhandenen Materialien zusammengeflickt werden und dem starken Wind zu strotzen haben. Die dazugehörigen Angler sitzen entlang der Küste an schwindelerregenden Plätzen und lassen ihre Köder die Klippen hinab. Es ist hart nachzuvollziehen, in dieser Art und Weise zu leben mit keinem Schatten und wenig Abwechslung weit und breit. Wir sind uns auch nicht ganz sicher, wie genau die Angler ihren schweren Fang bis zum Rand der Klippe anheben.

Allgemein hatten wir wenig großartige Erwartungen an die angeblich monotone Strecke entlang der Küste, doch wenn man genau hinschaut, gibt es überall etwas zu entdecken und die Landschaft ändert sich auch hier stetig. Große orangene Sanddünen wechseln sich ab mit flachen Felshügeln und –Schluchten, steinigen Ebenen, weißen Dünenfeldern und von seichtem Grün bedeckten Arealen – jedoch überwiegen die felsigen Ebenen. Dromedare sind häufig zu sehen und kratzen sich gelegentlich an Straßenschildern und einige Vögel finden Zuflucht in vereinzelten Lagunen. Auch die farbenfrohen Abendhimmel sind erwähnenswert und des Nachts sind unzählige Sterne zu sehen.

Überraschend für uns war auch das angenehm milde Klima mit kühlen Abenden und Nächten.

Nach zwei Wildcamps erreichten wir Dakhla, welches die letzte größere Siedlung vor Mauritanien darstellt. Die lange türkisfarbene Lagune auf der Ostseite der Stadt ist ein Mekka für Kitesurfer, welche einen farbenfrohen Himmel garantieren. Zur Westseite befindet sich der tosende Atlantik mit hohen Wellen, welche unseren Angelversuchen einen Strich durch die Rechnung machten.

Auf dem Campingplatz gab es noch die letzten Neuigkeiten für die Weiterreise, jedoch trafen wir wieder einmal keine anderen Reisenden. Allgemein ist es lange her, dass wir Zeit mit Gleichgesinnten verbringen durften und wir freuen uns auf das Wiedersehen mit einigen Menschen und neue Bekanntschaften in Senegal.

Die Grenzüberquerung war eine kleine Geduldsprobe und beanspruchte etwa 7 Stunden. In dieser Zeit kamen wir gerade einmal 5km vorwärts, davon 4km auf der Piste im Niemandsland zwischen Westsahara und Mauritanien. Das Folgen der Piste an sich ist mittlerweile ziemlich einfach, da sie sehr ausgefahren ist ohne tiefsandige Passagen – das Risiko auf eine der Minen im Niemandsland aufzufahren also eher gering. Die Offiziellen auf beiden Seiten der Grenze waren meist freundlich und korrekt, unsere relative Jugend überraschte sie jedoch. Für eine detaillierte Zusammenfassung der Grenzüberquerung und nötiger Schritte hier weiterlesen!

Der lange Tag hinterließ uns erschöpft und die Ankunft auf dem Campingplatz in der ersten Mauritanischen Stadt Nouadibhou kurz vor Sonnenuntergang kam sehr willkommen. Die Stadt ist ziemlich einfach aufgebaut mit einer langen Haupstraße, wenigen höheren Gebäuden und viel Sand überall. Die Straßen sind voller verbeulter Autos sowie Ziegen und Eseln, welche frei herumlaufen und alles hat eine entspannte Atmosphäre, ohne unglaublich interessant zu sein.

Nach Abschließen unserer Autoversicherung ging es entlang der Teerstraße gen Süden mit dem Nationalpark Banc d’Arguin als Ziel. Der Park ist bekannt für seine Vielzahl an Vögeln sowie reichen Fischvorkommen, einigen seltenen Gazellen, Schakalen und sogar Hyänen. Leider erreichten wir wieder einmal zum schlechtmöglichsten Zeitpunkt und von den geschätzten 2.5 Millionen Vögeln zwischen November und Februar verbleiben im September nur etwa 2500.

Von Châmi aus ging es entlang einer von vielen Pisten in Richtung der Imragen-Siedlung Iwik. Die Imragen sind etwa 1000 Mann stark und leben traditionell vom Fischfang in mehreren Dörfern entlang der Küste. Ein paar simple Segelboote werden genutzt sowie eine einzigartigere Methode. Imragen-Männer verteilen sich am Strand und schlagen auf das Wasser ein, welches Delphinen als Signal gilt. Diese treiben Fischschwärme in die wartenden Netze und machen im Gegenzug ebenfalls reiche Beute. Die Imragen-Frauen haben traditionell das Recht, Fisch von den einkehrenden Booten ohne Bezahlung zu erhalten.

Nach Ankunft in Iwik wurden wir sehr herzlich willkommen geheißen und verbrachten die Nacht auf dem simplen aber gepflegten Campingareal. Abdullah ist derzeit für Gäste verantwortlich und lud uns zu unserem ersten Mauritanischen Tee ein. Wir waren zwar schon gewohnt an die Teezeremonien in Marokko, jedoch trotzdem überrascht von der Sorgfalt und Dauer der Zubereitung. Der leicht bittere Tee wird über kleiner Flamme mit viel Zucker erhitzt und dann vielmals von einem winzigen Glass zum nächsten geschüttet, bis ein fester Schaum in selbigen verbleibt. Drei Runden werden getrunken und wir verbrachten mehr als eine Stunde mit Abdullah und unterhielten uns mit Händen und Füßen sowie dem kleinen bisschen hängengebliebenen Schulfranzösisch. Erfreulicherweise verstanden wir uns trotzdem prächtig und hatten einen kurzweiligen Abend.

Am folgenden Tag wurde uns angeboten, einem der Nationalpark-Führer mit unserem Auto zu folgen. Er war zusammen mit zwei Rangern und einem Grundschul-Lehrer auf dem Weg nach Nouakchott mit Zwischenhalt in allen Imragen-Dörfern, um Schulkinder von ihren jährlichen Ferien in Iwik nach Hause zu bringen. Der Führer konnte etwas Englisch sprechen und wir lernten viel über den Park, seine Finanzierung und Konservation. Die zu befahrenen Pisten waren häufig kaum auszumachen wegen der starken Regenfälle in den Tagen zuvor und wir wären auf uns allein gestellt sicher mehr als einmal falsch gefahren. Es hat aber einen Heidenspaß gemacht, durch die Sanddünen, Muschelfelder und Schlammpassagen zu pflügen.

Die Imragen-Kinder im ersten Dorf auf dem Weg waren freundlich aber sehr schüchtern und wir lernten, dass Männer nur anderen Männern zur Begrüßung die Hand geben und Frauen anderen Frauen. Während der obligatorischen Tee-Sitzung kam ein Mädchen namens Sultana zu Jasmine und schenkte ihr eine Malahfa, welches ein bodenlanges Bekleidungstuch ist und häufig von Mauritanischen Frauen getragen wird. Sie wollte nichts im Gegenzug haben und nur nach mehrmaligem Nachfragen, was die Menschen des Dorfes denn gebrauchen könnten, gaben wir ein paar Stifte und Papier für die lokale Schule sowie eine kleine Taschenlampe für Sultana.

Die Piste zum nächsten Dorf war bestimmt von tiefem Sand und noch mehr Offroad-Spaß. Bei Ankunft wurden wir in ein niedriges zu allen Seiten offenes Zelt eingeladen, durch welches eine angenehme Brise ging. Auf den Kissen am Boden liegend bekamen wir unseren nächsten Zuckerschock mit unzähligen Teerunden, welche permanent von einem der jüngeren Männer des Dorfes zubereitet wurden. Fußballneuigkeiten aller europäischen Teams wurden ausgetauscht und Jasmine hatte um einiges mehr beizutragen als Fußball-Abstinenzler Fabian. Als weitere Einheimische sich dazu gesellten überwiegten Gespräche in Arabisch und es war beeindruckend zu sehen, wie eine Person sehr lange mit leiser Stimme erzählte, ohne dass ihn jemand unterbrach. Erst wenn zu Ende gesprochen wurde war der Nächste an der Reihe. Nach etwa zwei Stunden tauchte unser Gastgeber mit zwei großen Platten  Hühnchenfleisch auf – eine zusammen mit Reis und die andere mit frischem Brot. Nachdem eine Wasserschüssel zum Händewaschen herumgereicht wurde, bildeten wir einen Kreis um die Mahlzeiten und begannen hungrig mit unseren Händen zu essen. Wir hatten etwas Schwierigkeiten, den Reis in feste Kugeln zu rollen und präferierten die Brot-als-Löffel-Methode. Beide Speisen waren vorzüglich und vollen Magens machten wir uns auf zur letzten Siedlung. Teilweise am Strand entlangfahrend konnten wir vereinzelte Pelikane und Flamingos sowie weitere Vögel sichten, jedoch nichts im Vergleich zu den Massen an Zugvögeln hier im Winter.

Im dritten Dorf machten wir wieder ganz andere Erfahrungen und unsere Ankunft sprach sich schnell herum. Innerhalb kürzester Zeit waren wir umringt von etwa 20 Kindern, welche aufdringlich nach Geschenken wie einem Fußball, einer Springleine und sogar unserem Norbert fragten! Jasmine wandelte das Ganze in eine mehr erfreuliche Begegnung für beide Seiten, indem sie Musik einschaltete und spontan mit den begeisterten Mädchen zu tanzen anfing. Die Jungen entdeckten unsere Kamera und posierten freudig für viele Fotos, welche natürlich sofort auf dem LCD-Bildschirm begutachtet werden mussten.

Wir mussten erfahren, dass die Strandsektion nach Nouakchott vor dem späten Nachmittag am Folgetag nicht mehr befahrbar sei und kehrten über eine Alternativpiste zum Asphalt zurück. Der herzliche Abschied von unseren Begleitern folgte und alle Versuche sich für das Führen und die Gastfreundlichkeit in Form eines Geschenks oder Bezahlung zu bedanken wurden abgelehnt – sehr überraschend nach unseren Erfahrungen in Marokko.

Abschließend ist zu sagen, dass wir zwar vom Tierleben des Parks nur wenig zu sehen bekamen, aber einen unglaublich interessanten Einblick in das Leben der Lokalbevölkerung erfahren durften.

Derzeit warten wir in Nouakchott auf die Bestätigungs-Mail für unser Senegalvisum, welche hoffentlich nicht mehr allzu lang auf sich warten lässt. Nach 4 Tagen hier sind wir mehr als bereit weiterzuziehen, vor allem in Hinblick auf die extreme Hitze derzeit.

Nouakchott hatte starke Regenfälle in den letzten Wochen und große Teile der Stadt sowie viele Keller und Erdgeschosse stehen immer noch unter Wasser. Die riesigen Pfützen bieten den Mücken ein Paradies und nur Fliegen sind noch zahlreicher. Die Stadt an sich ist jedoch belästigungsfrei zu erkunden und wir verbrachten viele Stunden in den sandigen Straßen.

Kommentar verfassen